Dienstag, 4. November 2008 18:14
Auf die Frage nach der kreativsten Stadt Deuschlands würden die meisten wohl mit Berlin antworten. Der Slogan, mit dem der amtierende Oberbügermeister Wowereit Berlin einmal charakterisiert hat “arm, aber sexy” hat sich in das Bewußtsein der Menschen eingebrandt. In Berlin herrscht das blühende Leben - Aufbruchstimmung! Hier fühlen sich die jungen kreativen Köpfe, die digitalte Boheme wohl. Im Wettbewerb der Städte und Regionen um die kreativsten Köpfe, scheint Berlin somit ganz vorne dabei zu sein. Nun stellt sich aber die Frage: Ist das Ziel aller Städt arm, aber sexy zu sein? Oder ist kreativ nicht gleich kreativ?
Vor einem Jahr hat die Stadt München eine Studie beim Department für Geographie der LMU München in Auftrag gegeben, den Standtortfaktor Kreativität für München zu untersuchen. Auch diese Studie basiert, wie die bereits bei zukunftsquartier.net (siehe Artikel vom 25.09.08) vorgestellte Studie “Talente, Technologie und Toleranz - Wo Deutschland Zukunft hat” auf den von dem Wirtschaftswissenschaftler Richard Florida aufgestellten Kriterien. Plötzlich zeigt sich bei diversen Städtevergleichen in der Münchner Studie, dass Stuttgart, München, Frankfurt a. M. oder Köln/Bonn die Nase vorn haben und Berlin hinter sich lassen. Was ist da los?
Die Städterankings wurden für folgende Indikatoren durchgeführt:
- Anteil der Aufwendungen für Forschung & Entwicklung am Bruttoinlandprodukt der Städte (Technologie)
- Anteil der Angestellten in Forschung & Entwicklung an den sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten (Technologie)
- Zahl der Patentanmeldungen je eine Millionen Einwohner (Technologie)
- Kreative Wissensarbeiter in sozialversicherungspflichtigen Beschäftigtenverhältnissen (Talente)
- Anteil der Hochkreativen an den sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten (Talente)
- Anteil der Hochqualifizierten an den sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten (Talente)
- Anteil der Künstler an den sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten (Toleranz)
- Ausländeranteil an der städtischen Bevölkerung (Toleranz)
Auffallend ist, dass oft nur die sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in die Bewertungen mit einfließen. So gibt es in München eine strake kreative Szene (hochkreative und hochqualifizierte), die ein Teil des ersten Arbeitsmarktes ist. In Berlin dagegen steht die kreative Szene für Subkultur und Prekariat. Ein Grund dafür, liegt in dem zur Verfügung stehenden Raum.
“Künstler benötigen Freiräume und “unbestimmte” Orte, an denen sich eine neue Kunst- und Kulturszene “von Unten” immer wieder neu entfalten kann. Derartige Orte der Kreativität sind häufig ökonomisch entwertete Räume: heruntergekommene Wohnviertel, aufgelassene Industriegelände und Konversionsflächen. Sie lassen eine freie flexible und immer wieder neue Aneignung zu bzw. fordern sie geradezu heraus. Diese Orte sind in München äußerst rar (…). Wenig “unbestimmte und preislich günstige Räume zur Verfügung zu haben, schränkt die künstlerischen Entfaltunsmöglichkeiten der kreativen Szene Münchens deutlich ein und erhöht die Notwendigkeit, ihr künstlerisches Schaffen dauerhaft zu kommerzialisieren. Die nur wenigen preisgünstigen Freiräume und der starke Kommerzialisierungsdruck verbunden mit den hohen Lebenshaltungskosten, die auf dem Künstler lasten, können als Gründe gesehen werden, dass München kein großer Kristallisationspunkt der Subkultur ist.”
Das Rennen der Städte und Regionen hängt somit davon ab, in wie fern sie in der Lage sind hochkreative und hochqualifizierte Kräfte an sich zu binden und weniger am Vorhandensein einer Subkultur, die zwar durchaus sexy für alle Kreativen ist, aber eben nicht unbedingt reich macht.