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Multikulti nur als Kulisse?

Donnerstag, 18. Juni 2009 15:48

Kulturelle Vielfalt, die Mischung aus fremdländischen Restaurants und Bars, Trödelläden, Antiquariaten etc. ist es, was Studenten, wie Annabell, die Tochter des Autors des Artikels “Oliver, 21, niedergestochen und gelähmt” (Die ZEIT, 11.06.2009) in Stadtviertel, wie das Londonder Shoreditch locken. Aber nicht nur Studenten, auch Kreative - Künstler, Trendsetter, Modemacher zieht das Viertel an. Hier scheint alles möglich, hier trifft man Originale und Individualisten und jeder scheint unabhängig und frei sein kreatives Potenzial ausschöpfen zu können. Der weitere Prozess ist bekannt - Gentrifizierung breitet sich aus. Neben den Häusern in denen nur Bengalen wohnen, sind Luxusappartments zu horenden Preisen entstanden.

Doch irgendetwas scheint falsch zu laufen in diesem Quartier, in dem sich doch alle nur friedlich an der Andersartigkeit der Anderen erfreuen wollen bzw. gar von ihr profitieren wollen. Dienen die, die eigentlich zur kulturellen Vielfalt beitragen (in Shoreditch vor allem die Bengalen) nur als Kulisse. In der Tat ist es so, dass hier nicht Menschen unterschiedlicher Kulturen aufeinandertreffen und miteinander leben, sondern Menschen mit unterschiedlichen Zukunftsperspektiven - nämlich Menschen mit Zukunft und solche ohne. Während die erste Gruppe das Offene und Individuelle genießt, hat die zweite Gruppe zum einen Angst vor Verdrängung und zum anderen viel angestaute Aggressionen. Was hat es mit Multikulti zu tun, wenn Menschen wie Annabell in einem Haus mit lauter Bengalen leben, mit denen es keine Anknüpfungspunkte gibt. Ob nur eine Wohnungstür oder ein ganzes Land zwischen diesen beiden Gruppen liegt, spielt keine Rolle.

Der Autor fragt zurecht “Ist das wirklich einmal mit Multikulti gemeint gewesen? Nebeneinander existieren, erst unbeachtet und uninteressiert, dann verständnislos und wütend?

Nachdem einige Zeit zwischen dem Angriff auf Annabells Freund Oliver vergangen ist, zieht sie folgendes Resumee: “Vielleicht kann Multikulti in seiner gegenwärtigen Form gar nicht glatt ablaufen. Ich glaubte daran, weil ich viele schwarze Freunde habe. Aber die sind alle Leute wie ich. Wir gehören zum selben Milieu. Die Bengalen leben in einer völlig anderen Welt. Sie akzeptieren uns nicht, wie wir sind. Solange sie das nicht tun, wird es immer wieder zu Auseinandersetzungen kommen.” Doch akzeptieren wir sie denn? Oder sind sie uns einfach nur egal? Denn vielleicht reicht Akzeptanz für ein friedvolles nebeneinander nicht aus, vielemehr ist Interesse füreinander gefragt. Denn dann ist es vielleicht auch nicht unmögich, wenn man aus priviligierten Verhältnissen stammt, das Leben Unterpriviligierter zu verstehen, wie Annabell mutmaßt.

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Feindesland

Sonntag, 18. Januar 2009 11:59

Wie lange noch” ist der erste Roman von Rainer Schmidt und er landetet damit eine wunderbare Sozialstudie über das (Über-)Leben von Jugendlichen im Großstadtkampf der Unterschicht gegen die Mittelschicht. Sein Protagonist Felix hat ein sehr sensibles Gespür für die sozialen Abläufe seines Umfeldes. Mit seinen Freunden vertreibt er sich den letzten Sommer vor dem Abi in seiner Heimatstadt die Zeit, wobei es immer wieder zu Zwischenfällen mit den Gangs aus dem Neubauviertel-Nord kommt, in die Felix und seine Freunde ungewollt hineingeraten. Sie können diesen Konflikten eigentlich nicht auskommen, wenn sie sich frei in ihrer Stadt bewegen wollen, da sie dabei immer wieder Feindesland betreten. In einem Abschnitt des Buches macht sich Felix auf dem Weg zu einer Party, der durch das “Ghetto” Neubauviertel-Nord führt, Gedanken darüber, welche Folgen eine bauplanerische Katastrophe für seine Bewohner haben kann:

Das Neubauviertel-Nord war Felix und seinen Freunde nichts als Feindesland, ein Territorium, das man nur im absoluten Notfall betrat, etwa, wenn man zur Schule musste oder einen Freund besuchen wollte, der das Pech hatte, inmitten dieser architektonischen Schandtat leben zu müssen. (…) Jedes Mal wenn er durch das Neubauviertel-Nord fuhr, sagte sich Felix, dass man die Erbauer dieser Brutstätte bestrafen müsste. Einst hatten sie es am sogenannten grünen Tisch wohl für eine grandiose Idee gehalten, dieses in sich geschlossene Großgefängnis auf einen Schlag hochzuziehen, um dann Zehntausende dorthin zu verfrachten und sich selbst zu überlassen. Man müsste die Verantwortlichen zwingen, selbst in einen der abscheulichen Schuhkartons zu ziehen, die sie sich erdacht, geplant und schlussletztendlich auch erbaut hatten und die man groteskerweise als sogenannte Wohnungen zu vermieten wagte.

Ein witzig geschriebener und kurzweiliger Roman, der dennoch viel Stoff zum Nachdenken birgt.

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