Feindesland
Sonntag, 18. Januar 2009 11:59
“Wie lange noch” ist der erste Roman von Rainer Schmidt und er landetet damit eine wunderbare Sozialstudie über das (Über-)Leben von Jugendlichen im Großstadtkampf der Unterschicht gegen die Mittelschicht. Sein Protagonist Felix hat ein sehr sensibles Gespür für die sozialen Abläufe seines Umfeldes. Mit seinen Freunden vertreibt er sich den letzten Sommer vor dem Abi in seiner Heimatstadt die Zeit, wobei es immer wieder zu Zwischenfällen mit den Gangs aus dem Neubauviertel-Nord kommt, in die Felix und seine Freunde ungewollt hineingeraten. Sie können diesen Konflikten eigentlich nicht auskommen, wenn sie sich frei in ihrer Stadt bewegen wollen, da sie dabei immer wieder Feindesland betreten. In einem Abschnitt des Buches macht sich Felix auf dem Weg zu einer Party, der durch das “Ghetto” Neubauviertel-Nord führt, Gedanken darüber, welche Folgen eine bauplanerische Katastrophe für seine Bewohner haben kann:
“Das Neubauviertel-Nord war Felix und seinen Freunde nichts als Feindesland, ein Territorium, das man nur im absoluten Notfall betrat, etwa, wenn man zur Schule musste oder einen Freund besuchen wollte, der das Pech hatte, inmitten dieser architektonischen Schandtat leben zu müssen. (…) Jedes Mal wenn er durch das Neubauviertel-Nord fuhr, sagte sich Felix, dass man die Erbauer dieser Brutstätte bestrafen müsste. Einst hatten sie es am sogenannten grünen Tisch wohl für eine grandiose Idee gehalten, dieses in sich geschlossene Großgefängnis auf einen Schlag hochzuziehen, um dann Zehntausende dorthin zu verfrachten und sich selbst zu überlassen. Man müsste die Verantwortlichen zwingen, selbst in einen der abscheulichen Schuhkartons zu ziehen, die sie sich erdacht, geplant und schlussletztendlich auch erbaut hatten und die man groteskerweise als sogenannte Wohnungen zu vermieten wagte.”
Ein witzig geschriebener und kurzweiliger Roman, der dennoch viel Stoff zum Nachdenken birgt.
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