Beiträge vom Oktober, 2008

Image künstlich kreiert

Freitag, 31. Oktober 2008 16:04

Städte und Regionen stehen in einem ständigen Wettbewerb zueinander. Sie streben nach Aufmerksamkeit. Positiv wahrgenommen zu werden von Unternehmen, qualifizierten Arbeitskräften und Touristen ist ihr Ziel. Um dieses zu erreichen, reicht einfaches Markting heute nicht mehr aus. Place Branding ist das Zauberwort! Es geht weit über das reine Marketing hinaus. Beim Place Branding sollen die Menschen ermuntert werden, Teil einer Gemeinschaft zu werden, die sich durch Architektur, Slogans, Persönlichkeiten, Songs und Erzählungen auszeichnet. Ausgangspunkt sind identitätsstiftende Massnahmen bei der lokalen Bevölkerung. Diese gemeinsame Identität manifestiert sich im Bewusstwerden für die Räumlichkeit.

B. Stöber führt in seinem Artiekl “Von “brandneuen” Städten und Regionen - Place Branding und die Rolle der visuellen Medien” folgende Schritte hin zu einem erfolgreichen Place Branding auf:

Zuerst muss der geographische Raum abgegrenzt sein bzw. werden. Dann kommt der Namensgebung für diesen Raum eine zentrale Rolle bei. Anschließen muss ein Logo entworfen werden. Namen und Logo stehen nun für diesen Raum. Abschließend gilt es Namen und Logo so oft wie möglich mit positiven Inhalten zu füllen und öffentlich zu machen. Somit wird den Journalisten beim Place Branding eine wichtige Bedeutung zugewiesen. Die Visualisierung des Raums in Werbefilmen, das Texten eines Songs oder ähnliches sind weitere Massnahmen, die das Place Branding festigen. Das eigentliche Objekt dieser besonderen Form des Marketings ist somit auch nicht die Stadt oder Region selbst, sondern ein Image des jeweiligen Raumes (Kavaratzis, 2004)

Doch all diese Massnahmen machen keinen Sinn, wenn die Bevölkerung nicht mitgenommen wird. Die Identifikation mit der Region ist der ausschlaggebende Punkt beim Place Branding. Daher wird das Palce Branding auch häufig als politischer Prozess betrachtet. Denn die Antwort auf die von B. Stöber zum Schluss seines Artikelt gestellte Frage, “wer hat oder wer nimmt sich das Recht einen bestimmten Ort zu (re)präsentieren und wer produziert welche spezifischen images dieses Ortes?“, lässt sich nur mit “die Bewohner” beantwortet. So ist Place Branding weit mehr als eine reine Marketingaktivität, es muss als demokratischer Prozess aufgefasst werden.

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Querdenker: Tausche Taschen

Dienstag, 28. Oktober 2008 13:03

Die Raumerstrasse in Berlin ist durch den Artikel “Du musst das wollen” aus dem brand eins Heft zum Thema Selbständigkeit (Ausgabe 1/2007) eine kleine Berühmtheit geworden (zumindest unter den Lesern des Magazins). Dabei geht es eigentlich nicht um die Raumerstrasse an sich, bei der es sich um jede beliebige Strasse in jeder Stadt handeln könnte, in der sich einige Restaurants und Bars, kleine Läden, ein Supermarkt, ein paar Büros und Wohnungen befinden, sondern es geht um die Menschen, die dort leben und arbeiten.

Ob Armin Tatzel und Petra Maresch, die Design-Anzüge verkaufen oder Antje Strubelt und Heiko Braun, die Taschen entwerfen und vertreiben oder Harry Schwan mit seinem “Wasser Kontor” - Sie haben alle eins gemeinsam: “Sie haben irgendwann herausgefunden, was sie wirklich wollen.” Und nicht nur dass. Sie haben dann auch den Schritt gewagt, auszuprobieren, ob sie davon leben können. “Dass der erste Arbeitsmarkt sie nicht will oder dass sie ihn nicht in ihrem Leben wollen, haben sie als Chance begriffen. Ihre Unternehmen sind gleichzeitig Experimente mit ungewissem Ausgang, neue Lebensräume und Wunschverwirklichungsmaschinen.

Die beiden Gründer des Tausche Taschen-Ladens sind studierte Landschaftsarchitekten, denen nach ihrem Studium die Arbeitslosigkeit winkte. Doch anstatt den Kopf in den Sand zu stecken, nahmen sie ihr Leben selbst in die Hand, frei nach dem Motto “was besseres als eine Festanstellung finden wir immer!” Und so entstand in der Raumerstrasse ein Unternehmen, das heute Taschen in Thüringen fertigen lässt und in Läden in Berlin und Stuttgart vertreibt. Das Besondere an diesen Taschen sind die abnehmbaren Deckelklappen. Zu einer Tasche können sich die Kundinnen mehrere Deckelklappen mit unterschiedlichen Designs zulegen. So ist man für jede Gelegenheit bestens ausgestattet.

Die Läden in der Raumerstrasse erzählen auch eine Berlin-Geschichte. Die niedrigen Mieten ermöglichen Freiräume für Geschäftsideen, die in anderen Großstädten von den Festkosten aufgefressen würden. So wird die Armut der Stadt zur Basis des kreativen Reichtums. Das gilt nicht nur für Wohnungen und Geschäftsräume, sondern auch für Menschen und Arbeitsbiografien. Der Überschuss an Menschen mit Talent, einer guten Ausbildung und dem Willen, etwas aus ihrem Lebne zu machen, ist eine kostbare Ressource.

Auch wenn in Berlin ein besonders gründungsfreundliches Klima herrscht (aufgrund günstiger Mieten, Aufbruchstimmung, Offenheit für Neues, Überschuss an jungen kreativen Menschen etc.) gibt es Geschichten, wie die vom Tausche Taschen-Laden, überall in Deutschland. Unter “Querdenker” sollen immer wieder solche Geschichten vorgestellt werden. Über Hinweise auf interessante Projekte und “Querdenker” freue ich mich jederzeit.

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“Stadtviertel sind keine handelnden Subjekte.”

Freitag, 24. Oktober 2008 22:16

Am 24.08.2008 erschien im Tagesspiegel ein Interview mit Sven Regener über sein neues Buch “Der kleine Bruder” und seine Beziehung zu Berlin / Prenzlauer Berg. Er wehrt sich in diesem Interview vehement dagegen, dass es sich bei dem Roman um einen Berlin-Roman oder gar einen Kreuzberger Kiez-Roman handelt, nur weil sein Protagonist Frank Lehmann in diesem Viertel lebt. Auf die Frage hin, ob er sich vorstellen könnte einen Roman über den Prenzlauer Berg zu schreiben, antwortet er somit folgerichtig “Nein. Aber ich könnte mir vorstellen einen zu schreiben, der dort spielt. Stadtviertel sind keine handelnden Subjekte. Man schreibt einen Roman über Menschen….” Und damit hat er ja auch recht. Und dennoch spielt der Ort, an dem ein Roman angesiedelt ist, häufig eine wichtige Rolle. Denn die Leser machen sich nicht nur ein Bild von der Romanfigur und seiner Geschichte, sondern auch von den Orten, an denen er sich aufhält. Unser Leben und auch das von Romanfiguren findet nun mal im Raum statt. Und von Kreuzberg haben die meisten Menschen irgendwie eine bestimmte Vorstellung, die sie beim Lesen im Hinterkopf haben.

Schließlich kommt das Gespräch auf die Entwicklung des Prenzlauer Berges zu sprechen. Sven Regener hält nicht viel von Kiez-Romantik. Für ihn ist der Prenzlauer Berg einfach ein Viertel, in dem viel Geld drin steckt. Die Angst der Alteingesessenen vor Verdrängung kann er anscheinend nicht nachvollziehen. Auf den Einwurf, dass die Menschen, die sich heute vom Flair des Prenzlauer Berges angezogen fühlen, die Alteingesessenen verdrängen, antwortet er:

Das gilt immer und überall für jeden Neuankömmling. Soll man deshalb den Leuten verbieten, irgendwo hinzuziehen? Müssen wir deshalb für immer dort wohnen bleiben, wo wir geboren sind? Die Dinge, und damit auch die Wohnviertel, ändern sich. Das wäre nur dann schlimm, gäbe es sonst in Berlin überhaupt keine anderen Wohnungen mehr und die Leute müssten auf der Strasse wohnen. Und was heißt ansonsten Alteingesessener? Ab wann hat man diesen Titel, was muss man dafür tun? Mein Gott, wir reden hier über Mietwohnungen. Da kann man ein- und ausziehen.

Es stimmt natürlich, dass man in Mietwohnungen ein- und ausziehen kann. Und Alteingesessene haben keinen gesetzlichen Anspruch auf ihr Wohnviertel. Vielmehr zeichnen sich lebendige Quartiere dadurch aus, dass sie offen sind für Neuankömmlinge und für den Wandel. Dennoch muss die Sichtweise von Sven Regener all denen wie Hohn in den Ohren klingen, die eben nicht die Möglichkeit hatten selbst zu entscheiden, ob sie bleiben oder gehen wollen. Denn Investoren gehen nicht immer zimperlich mit alteingesessenen Mietern um, die nicht weichen, sondern bleiben wollen und so den ehrgeizigen Investitionsplänen im Wege stehen.

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Liège - Ort der Geschichten

Mittwoch, 22. Oktober 2008 22:18

Die Brüder Dardenne haben mit ihrem neuen Spielfilm “Lornas Schweigen” bereits den sechsten Film gedreht, der in Liege spielt. Grund genug für Ulrich Ladurner sich für seine Filmkritik in der ZEIT (vom 09.10.2008) die belgische Stadt mal etwas genauer anzusehen: “Die Stadt hat sich ja verloren in den letzten Jahrzehnten. Die Hochöfen, die in ihren besten Zeiten 37 000 Arbeiter beschäftigten, stehen heute wie ausgbrannte Kathedralen an den Ufern der Maas. Schwarz, verbraucht und ohne große Hoffnung warten sie darauf, dass jemand sie wiederbelebt…

Eine wunderschöne Beschreibung des im Raum manifestierten Niedergangs des Industrizeitalters. Der Ort, der anscheinend keine Hoffnung und keine Zukunft mehr hat.

…Vor zwei Jahren kaufte sich der indische Stahlmagnat Lakshmi Mittal hier ein und nahm einen Hochofen in Betrieb. Seither ist wieder Zischen und Fauchen aus den Röhren der Werke zu vernehmen - so also muss es gewesen sein, als es noch in allen Öfen glühte, als Rauch aufstieg und den Himmel verdunkelte, als sich Abwässer schäumend in die Maas ergossen.

Die Bevölkerung von einst industriellen Zentren neigt ja dazu, sich die alte Zeit zurückzuwünschen, in der die Männer zwar unter unwürdigen Bedingungen in den Stahl- und Betonriesen malochten, aber die Stadt einen Ruf weit über ihre Grenzen hinaus genoß. Nun läuft er wieder, wenigstens einer der Hochöfen in Liege. Aber sieht so die Zukunft der Stadt aus?

Jules Michelet, französischer Historiker aus dem 19. Jahrhundert, schrieb einst über Liege: “Dies ist eine Stadt, die sich immer wieder auflöst und sich immer wieder neu erfindet, ohne je zu ermüden.”

In dieser Stadt, die sich immer wieder neu erfindet, finden die Dardenne-Brüder die Geschichten für ihre Filme. In ihrem neuesten Film “Lornas Schweigen” sieht die Protagonistin Lorna im Bahnhofsviertel die Erfüllung ihrer Träume: “Ein etwas heruntergekommenes Geschäftslokal, in dem Lorna gemeinsam mit ihrer großen Liebe Sokol eine Snackbar eröffnen will. Doch gibt es keinen besseren Ort für Lornas Hoffen und Sehnen. Liege nämlich hat sich auf seiner Suche nach einer postindustriellen Identität einen neuen Bahnhof geschenkt, einen vom spanischen Stararchitekten Santiago Calatrava errichteten, 400 Millionen Euro teuren Bau - er soll der Stadt Halt geben und eine Zukunft.

Ob nun der neue prestigeträchtige Bahnhof oder Pioniere wie Lorna, die einen Traum für ihr Quartier haben, der Stadt eine Zukunft geben, sei dahingestellt.

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