Mittwoch, 23. November 2011 14:15
Gestern war die diesjährige Stiftungsversammlung des Think Tank Thurgau (ttt), der es sich zur Aufgabe gemacht hat über Zukunftsfragen des Kantons Thurgau nachzudenken. Im Rahmen dieser Veranstaltung wird immer eines der laufenden Projekte präsentiert und in einer anschliessenden Podiumsdiskussion diskutiert. Bereits vor drei Jahren beauftragte der ttt das ETH Studio Basel die Studie “Die Schweiz - ein Städtebauliches Portrait” (siehe auch Artikel vom 22.03.2011) für den Thurgau zu verfeinern. Damals entstand die Studie “Thurgau - Projekte für die Stillen Zonen“, die besonders im Zusammenhang mit dem auf dem Seerücken geplanten Regionalen Naturpark Anlaß zu kontroverser Diskussion gab.
Dieses Jahr arbeitete der ttt erneut mit dem ETH Studio Basel zusammen und ließ eine Studie über “Das südliche Bodenseeufer” erarbeiten, aus der ein Teil gestern präsentiert wurde. Hintergrund der Studie ist die Tatsache, dass das südliche Bodenseeufer im Vergleich zu den anderen Schweizer Seeufern von einer geschlossenen Bebauung noch weitgehend verschont ist. Der Siedlungsdruck beginnt sich aber auch am südlichen Bodenseeufer bemerkbar zu machen. Die Studie widmet sich nun der Frage, ob es möglich ist durch alternative Raumkonzepte eine stabile Situation zwischen bebauter und unbebauter Landschaft zu erreichen. In der Präsentation gestern nahmen die Referenten die ländlichen Gemeinden am Oberseeufer zwischen Scherzingen und Uttwil genauer unter die Lupe. Als Gegenvorschlag für die Einfamilienhaussiedlungen, die überall an den Dorfrändern entstanden sind, schlagen die Referenten eine neue Zone vor, die um die Siedlungen herum positioniert werden soll - die landwirtschaftliche Wohnzone. Innerhalb dieser Zone sollen Einfamilienhäuser weiter verstreut in der Landschaft möglich sein, zu denen jeweils ein gewisser Anteil an landwirtschaftlichen Flächen gehören sollen. Diese Flächen sollen von den Bewohnern in Form von familiären Teilzeitbetrieben oder als Subsistenzwirtschaft bewirtschaftet werden.
Dieses Konzept widerspricht natürlich jeglichen aktuellen raumplanerischen Bestrebungen einer Verdichtung nach Innen. Zudem dürfte es Landwirten wie Hohn in den Ohren klingen, wenn weitere wertvolle Produktionsflächen an eine städtische Bevölkerung verkauft werden, damit diese sich dort ihren Traum von einem Hobbybetrieb ermöglichen können. Auf der anderen Seite dürften sich Vertreter der Umweltverbände angesprochen fühlen, denn die Form der kleinbäuerlichen Subsitenzwirtschaft lässt natürlich Raum für eine höhere Artenvielfalt und Vernetzungsstrukturen.
Ganz egal ob realistisch oder nicht, der Sinn dieser Studie war es ja nicht bereits Bekanntes zu bestätigen, sondern ganz neue Ansätze zu entwickeln, die eher utopischen Charakter haben. Gerade deshalb leistet sie meiner Meinung nach einen wichtigen Beitrag zur Diskussion. Denn häufig sind die Gedankengänge der Akteure bereits so festgefahrenen und lassen keinen neuen Blickwinkel mehr zu. Daher finde ich die Beiträge, die der ttt gemeinsam mit dem ETH Studio Basel entwickelt immer sehr erfrischend. Schade ist nur, dass es immer Teilnehmer gibt, die diese Studien für bahre Münze nehmen. Dies war besonders bei den Stillen Zonen so, ist aber auch bei dieser Studie wieder etwas hervorgeklungen. Natürlich handelt es sich um akadmische Turnübungen, wie dem Projektteam vorgeworfen wurde. Solche Turnübungen sind aber wichtig, um allgemein akzeptierte Ansätze nochmals neu zu überdenken und sei es nur dafür, um festzustellen, dass man mit den bewährten Ansätzen auf dem richtigen Weg ist.